Am Dienstag, den 3.9.2024, hatten wir am Vormittag noch telefoniert. Er wartete auf die chilenischen Freunden, die am Nachmittag kommen sollten. Ich hatte noch ein wenig was zu arbeiten und beendete daher das Gespräch nach ca. 20 Minuten. Er klang normal, freute sich wirklich auf den Besuch.
Meine Eltern haben von 1967 bis 1972 in Chile gelebt. Vater war Lehrer für Deutsch, Geographie und auch Musik an einer deutschen Schule. Ich kam mit drei Jahren in den Kindergarten und dort lernten meine Eltern diese Freunde kennen. Die Freundschaft ist über die Jahre stabil geblieben trotz der Zeit und der Distanz. Damals führte der Kontakt dazu, dass die Chilenen alle ihre fünf Kinder auf die deutsche Schule gaben, was bedeutete, dass sie schon im Kindergarten ein wenig Deutsch lernen mussten, um berechtigt zu sein. Eine Tochter war dann sogar zum Austausch bei uns. Heute können alle fünf fließend Deutsch, der Vater ein paar Worte, die Mutter gar nichts!
Sie kamen wie angekündigt. Sie wollten ihre Europa-Reise mit den Freunden in Deutschland starten und dann innerhalb von einer Woche fünf oder sechs Stationen anlaufen. Ein Sohn und eine deutsche Freundin kamen mit, schließlich war das chilenische Paar auch schon in den 80ern.
Sie kamen, blieben bis ca. 22 Uhr und wollten am nächsten oder übernächsten weiterreisen. Meine Mutter erzählte später, dass er am Abend sehr still wurde, weniger als sonst half aufzuräumen und dann ins Bett ging.
Am nächsten Morgen soll er um 6 Uhr im Bad gewesen sein. Als er gegen 8 Uhr aufstehen wollte, klappte das nicht mehr. Meine Mutter fand ihn quer im Bett. Er hatte es wohl versucht und war dabei verstorben.
Jeden Morgen hat er diesen Spanisch-Kalender abgerissen. Jeden Morgen eine Mini-Lektion Spanisch. Er konnte die Sprache ganz gut. Der deutsche Akzent war wieder stärker geworden nach längerer Zeit ohne direkten Kontakt, aber er schaffte es immer noch zu kommunizieren und unterrichtete auch noch einen Freund. Der Spruch, der am letzten Tag seines Lebens und auch bis heute noch an der Wand im Arbeitszimmer hängt, heißt:
Siempre pienso que el projecto en el que estoy trabajando será la mejor. – Patricia Urquiola
Dieser Spruch ist ein wenig bezeichnend für ihn. Auf Deutsch:
Ich denke immer, das Projekt, an dem ich gerade arbeite, wird das beste. – Patricia Urquiola (*1961), span. Architektin und Designerin (Übersetzung vom Kalender-Blatt, Harenberg-Verlag)
Vater war auch immer an einem Projekt dran, immer aktiv. Ohne irgendwas in der Mache ging eigentlich nicht. Wanderungen mit diversen Freundesgruppen, häufig auch von ihm organisiert, war z.B. eines dieser Projekte. Als die Gesundheit noch mit spielte, ist er gereist, meist alleine: Vancouver, Dubai, Südafrika, Moskau und mit Mutter auch nach Nordafrika, als wir noch dort waren.
Immer ein Projekt und immer war das aktuelle auch das wichtigste. Vielleicht nicht immer das Beste, aber das was gerade zählte.
Mutter war immer anders, wesentlich ruhiger und eher phlegmatisch – was ich geerbt habe. Ich brauchte und brauche nicht andauernd neue Projekte. Allerdings ist mein Alltag in den letzten 20 Jahren auch völlig anders gewesen. Hatte Vater als Lehrer viele Termine und einen festen Stundenplan, bin ich immer ein sehr frei agierender Angestellter gewesen, der vor allem in Afrika selten mehr als fünf Termine pro Woche hatte. Das Neue und Aufregende kam immer von alleine, das musste ich nie suchen. Vater musste sich bewegen, was Neues sehen, was erleben.
Vater, wir vermissen dich. RIP!
H. Kirchner, 29.9.1935 bis 4.9.2025
(Erster Artikel: Das erste Jahr ohne ihn)



